Tausende Pädagogen fehlen in Ganztagsbetreuung

An Hessens Grundschulen werden einer Studie zufolge bis 2030 mehr als 5.000 Fachkräfte für die Ganztagsbetreuung fehlen. Das Kultusministerium hält sich dagegen für gut vorbereitet.

In Hessen fehlen einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge in den kommenden Jahren Tausende zusätzliche Fachkräfte für die Ganztagsbetreuung. Mit den derzeit bestehenden Ausbildungskapazitäten müsse man bis 2030 mit einer Lücke von mehr als 5.000 Erzieherinnen und Erziehern rechnen, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Auswertung.

Bund und Länder hatten im vergangenen September einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule beschlossen, der schrittweise eingeführt wird. Ab dem Schuljahr 2026/2027 greift die Regelung bei Kindern der ersten Klasse, ab 2029/2030 bei allen Klassen. Bis Ende des Jahrzehnts soll für jedes Kind ein Platz mit einer Förderung von 40 Wochenstunden vorhanden sein.

Rechtsanspruch laut Studie nicht umsetzbar

„Hessen kann die Umsetzung des Rechtsanspruchs nicht für alle Kinder bis 2030 stemmen, denn der Fachkräftebedarf ist bis dahin kaum zu decken“, erklärte Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung der Bertelsmann-Stiftung. Hessen müsse daher mit allen Verantwortlichen eine langfristige Fachkräfteoffensive auf den Weg bringen, um jedem Grundschulkind die besten Bildungschancen zu ermöglichen.

Die Studie rechne damit, dass bis Ende 2030 in Hessen 3.000 pädagogische Fachkräfte aus dem Ausbildungssystem kommen werden, sagte Bock-Famulla in hr-iNFO. „Wenn wir davon ausgehen, dass wir noch einmal mehr als 5.000 zusätzlich brauchen, hieße das, dass wir annähernd eine Verdopplung der Absolventenzahl erreichen müssten.“

Das sei auch deshalb ein Problem, weil es an Ausbildungskapazitäten und Lehrkräften in der Pädagogik fehle, so Bock-Famulla. „So wird es schwierig, diese fehlenden Fachkräfte zu generieren, wenn wir sie grundständig ausbilden wollen.“

Kultusministerium sieht sich gut vorbereitet

Hessens Kultusministerium widerspricht auf hr-Anfrage der Annahme, dass mehr als 5.000 Fachkräfte fehlen könnten: „Diese Einschätzung beruht auf der Annahme, dass alle Kinder im Grundschulalter in Hessen ihren Rechtsanspruch mit einem Umfang von 40 Stunden wöchentlich nutzen“, erklärte ein Sprecher. „Der Einschätzung liegt eine Annahme zugrunde, die derzeit – und wohl auch perspektivisch – nicht der Realität der in Hessen lebenden Familien entspricht.“

Das Ministerium rechnet damit, dass nicht alle Kinder in Hessen, sondern nur 68 Prozent von ihnen eine tägliche Ganztagsbetreuung brauchen – das habe eine Studie des Deutschen Jugendinstituts und der TU Dortmund ergeben. „Der Wert spiegelt die höheren Bedarfe in Ballungsgebieten und die niedrigeren Bedarfe in ländlichen Regionen wider“, so der Ministeriumssprecher.

Das Kultusministerium sieht sich gut darauf vorbereitet, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bis 2030 zu erfüllen. „Mit den jährlichen Ausbaukontingenten in Höhe von 350 Stellen hat Hessen in den vergangenen Jahren insbesondere die ganztägige Entwicklung von Grundschulen und Grundstufen sehr erfolgreich vorangetrieben“, sagte der Sprecher. Im kommenden Schuljahr würden 70 Prozent der Grundschulen im Land ganztägige Betreuung anbieten – im Schuljahr 2013/14 seien es nur 38 Prozent gewesen.

53 Prozent der Grundschulkinder in Ganztagsbetreuung

In Hessen werden nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung derzeit 53 Prozent der Grundschulkinder ganztägig betreut. Damit liege das Bundesland etwas über dem westdeutschen Durchschnitt von 47 Prozent. Ein kürzeres Angebot mit Betreuung über den Mittag bis 14.30 Uhr würden 18 Prozent der Kinder besuchen.

Wenn ein Teil der Kinder in den kommenden Jahren weiterhin die kürzere Betreuung in Anspruch nähme, wäre der Personalmangel deutlich niedriger: Dann könnten nur noch rund 900 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher fehlen, hieß es in dem „Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule 2022“.

Quelle: Hessenschau online, 06.07.2022

https://www.hessenschau.de/